SBTi Corporate Net-Zero Standard Version 2.0

Die neue SBTi 2.0 ist da: Welche Änderungen gelten, welche Pflichten entstehen und was das für die Klimastrategie Ihres Unternehmens bedeutet.

SBTi Corporate Net-Zero Standard Version 2.0
Kategorie
Regulierung
Letztes Update
18/6/2026
Geschrieben von
Pascal Freudenreich

Was ist der SBTi Corporate Net-Zero Standard?

Die SBTi ist eine internationale Initiative, die Unternehmen dabei hilft, Klimaziele zu setzen, die mit dem 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens vereinbar sind. Über 11’000 Unternehmen weltweit haben ihre Ziele bereits nach diesem Standard validieren lassen. In der Schweiz sind es über 250 teilnehmende Unternehmen.

Der Corporate Net-Zero Standard legt fest, wie Unternehmen ihre Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Emissionen reduzieren müssen, um glaubwürdig von «Netto-Null» (Net Zero) sprechen zu dürfen. Das Ziel, analog zum Abkommen von Paris, bis spätestens 2050 netto null zu erreichen. Netto-Null gemäss SBTi V2.0 bedeutet: «Emissionen aus fossilen Brennstoffen werden so weit wie möglich reduziert, so dass nur noch ein begrenztes Mass an Restemissionen verbleibt.» Als Orientierungsgrösse für Scope 3 gilt dabei ≤10 % der ursprünglichen Emissionen. Die Restemissionen müssen im Net-Zero-Zieljahr (spätestens 2050) und danach vollständig durch hochwertige Carbon Removals (carbon credits) neutralisiert (kompensiert) werden. Dies ausschliesslich durch physische Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre.

Die Science Based Targets initiative (SBTi) hat ihren Corporate Net-Zero Standard grundlegend überarbeitet. Version 2.0 wurde im Juni 2026 veröffentlicht und bringt wichtige Neuerungen für alle Unternehmen, die ihre Klimaziele wissenschaftsbasiert validieren lassen wollen.

Das Wichtigste in Kürze: Was ist neu in Version 2.0?

Umsetzung hat Priorität

In der Vergangenheit haben sich viele Unternehmen ehrgeizige Ziele gesetzt und sind an der Komplexität bzw. Realität gescheitert. Der neue Standard kommt vom reinen Ziel-Setzungs-Standard bzw. Regelwerk weg und setzt neu auf das Prinzip best effort (nach bestem Bemühen). Unternehmen sollen alle verfügbaren Möglichkeiten und Hebel nutzen und transparent über Hindernisse und Rückschläge berichten. Diese dürfen auch weiterhin bei SBTi verbleiben, wenn Ziele nicht vollständig erreicht werden, müssen aber nachweislich an der Reduktion weiterarbeiten. Anerkannt wird neu die Problematik im Zusammenhang mit Scope-3-Emissionen insbesondere unklare Lieferketten, fehlender oder zu teurer Technologien.

Unternehmenskategorie A und B

Unternehmen werden In Kategorien A oder B eingeteilt

Kategorie A: Grosse Unternehmen (ab ca. 1’000 Mitarbeitende oder EUR 450 Mio. Umsatz) sowie mittlere Unternehmen in Industrieländern (ab EUR 50 Mio. Umsatz, EUR 25 Mio. Bilanzsumme oder 250 Vollzeitstellen.

Kategorie B: Kleine und mittlere Unternehmen weltweit, die die Schwellenwerte von Kategorie-A- nicht erreichen.

Viele KMU fallen somit in Kategorie B und haben etwas erleichterte Anforderungen. Scope-3-Ziele werden empfohlen aber sind nicht zwingend, auch eine externe Prüfung ist nicht erforderlich, wird allerdings empfohlen.

Neues Zielrahmen-System: kurz- und langfristig

Unternehmen setzen mindestens zwei kurzfristige Ziele, gemäss 5-Jahres-Zyklus. Das übergreifende Netto Null Ziel (Net-Zero) ist optional.

Scope 1: 3 Wege zur Zielsetzung, diese beinhalten

  • lineare Absenkung bis 2050
  • Emissionsintensität: Für sektorspezifische Pfade (z. B. Stahl, Zement, Chemie)
  • Asset-Transition: Für Unternehmen mit langlebigen Anlagegütern (Anlagen und Maschinen eines Unternehmens, also Gebäude, Produktionsanlagen, Fahrzeugflotten, Kraftwerke usw.) kein linearer Pfad, sondern ein Plan zum Ersatz fossiler Anlagen.

Scope 2: neue Regeln für Strom aus erneuerbaren Quellen

Unternehmen können künftig Erneuerbare-Energien-Zertifikate (grüne Herkunftsnachweise) und Stromlieferverträge anrechnen, allerdings mit klaren Leitplanken:

  • Zertifikate dürfen nur aus «derselben Lieferregion» stammen wie der Verbrauch
  • Bestehende Verträge geniessen Bestandsschutz und müssen nicht sofort angepasst werden
  • Stündliches Matching: (Verbrauch und Erzeugung in derselben Stunde) ist empfohlen und wird separat anerkannt. Unternehmen mit hohem Stromverbrauch müssen künftig ihren stündlich gematchten Anteil ausweisen

Scope 3: Mehr Flexibilität

Für grosse Unternehmen (Kategorie A) bleibt Scope 3 verpflichtend. Neu sind flexiblere Wege zur Zielerreichung. Einzelne Scope-3-Kategorien können unter bestimmten Bedingungen ausgeschlossen werden, z. B. wenn sie weniger als 5 % der Gesamtemissionen ausmachen oder wenn das Unternehmen keine operative Kontrolle darüber hat.

V2.0 führt eine klare Rangfolge ein

  1. Direkte Massnahmen: Emissionen direkt im eigenen Betrieb und der Lieferkette reduzieren (z. B. Effizienzverbesserungen, Brennstoffwechsel, Lieferantenengagement).
  2. Systemische Massnahmen: Dort, wo gemeinsame Systeme genutzt werden (z. B. Stromnetze, Versorgungsketten), können marktbasierte Instrumente wie Zertifikate eingesetzt werden mit definierten Anforderungen an deren Integrität.
  3. Sektormassnahmen: Als letzte Option, wenn Möglichkeiten auf Unternehmensebene ausgeschöpft sind.

Carbon Credits (Kompensation)

Carbon Credits (Kompensationen) gelten nach wie vor nicht als eigene Emissionsreduktion. Neu gibt es aber ein freiwilliges Programm: Ongoing Emissions Responsibility.

Ein Unternehmen kann freiwillig einen Teil seiner laufenden Emissionen durch Klimabeiträge abdecken, dabei gibt es verschiedene Anerkennungsstufen:

Engaged: Mindestens 1 % der laufenden Emissione abdecken

Advanced: 100 % Scope 1+2, plus genug Scope 3 um total ≥ 10 % zu erreichen

Leadership: 100 % aller laufenden Emissionen (Scope 1, 2, 3)

Wer OER nutzt, aber seine Emissionen nicht wirklich senkt, erfüllt den Standard nicht. OER ist ein Zusatz, kein Ersatz von Reduktionsmassnahmen. Heute freiwillig, ab 2035 Pflicht für Kategorie-A-Unternehmen. Dann müssen grosse Unternehmen nachweisen, dass sie Verantwortung für ihre Restemissionen übernehmen und spätestens im Net-Zero-Zieljahr alle verbleibenden Emissionen vollständig neutralisieren.

Transformationsplan für Alle

Alle Unternehmen – unabhängig von der Kategorie – brauchen neu einen Transformationsplan (Transition Plan). Dieser beschreibt, wie die gesetzten Ziele konkret umgesetzt werden sollen, inklusive wichtiger Abhängigkeiten und eines groben Pfads bis 2050. Für Kategorie A muss der Plan veröffentlicht werden, neu spätestens 15 Monate nach Zielvalidierung.

laufende Überprüfung

Das neue Assurance-Modell bringt eine wichtige Änderung: Neben der initialen Zielvalidierung gibt es neu eine End-of-Cycle-Bewertung (Zielerreichungsprüfung am Ende des Zielzyklus) am Ende jedes 5-Jahres-Zyklus. Wer seine Ziele nicht vollständig erreicht hat, muss das transparent kommunizieren und in der nächsten Runde ambitioniertere Ziele setzen. Minimalfortschritte sind ein Kriterium, um neue Ziele validieren zu dürfen.

Was gilt jetzt für Unternehmen, die bereits den alten Standard nutzen?

  • Version 1 bleibt bis Ende 2027 offen für neue Zielanmeldungen
  • Unternehmen mit laufenden 2030-Zielen können ab 2028 ihren nächsten Zyklus (2030–2035) nach V2.0 einreichen
  • Elemente von V2.0 (z. B. Unternehmenskategorisierung, Umsetzungsansätze) werden schrittweise auch für V1 zugänglich gemacht

Was bedeutet das für Sie als KMU?

Als KMU (Kategorie B nach der neuen Klassifizierung) haben Sie mehr Spielraum – aber auch mehr Handlungsoptionen. Wer heute bereits einen CO2-Fussabdruck erstellt und Massnahmen definiert, ist gut aufgestellt, um schrittweise Richtung SBTi-Validierung zu gehen.

Gleichzeitig wächst der Druck von oben: Grosse Unternehmen (Kategorie A) müssen Scope-3-Ziele setzen – und das betrifft Ihre Emissionen als Zulieferer. Wer hier nicht vorbereitet ist, wird zunehmend aus Lieferketten herausgefiltert.

Fazit: V2.0 ist ehrlicher und praxisnäher, aber anspruchsvoller

Die SBTi hat mit der V2.0 den Standard realistischer gemacht. Wer bisher an Scope-3-Hürden gescheitert ist, bekommt mehr Flexibilität. Wer Fortschritte ausweisen kann, wird dafür anerkannt. Und wer nicht vorwärts macht, wird künftig stärker unter Druck gesetzt. Für Unternehmen, die jetzt handeln, ist der neue Standard V2.0 eine Chance: Sich im Markt als glaubwürdiger Akteur zu positionieren. Mit einem Standard, der von Investoren, Kunden und Regulatoren zunehmend als Massstab herangezogen wird.

Sie möchten wissen, wo Ihr Unternehmen heute steht und wie der Weg zur SBTi-Validierung aussieht? Sprechen Sie mit uns. carbon-connect AG begleitet KMUs und mittelständische Unternehmen seit 2013 durch den ESG-Dschungel – pragmatisch und auf Augenhöhe.