Soja aus Südamerika für europäisches Mastvieh

Die industrielle Viehhaltung und der Klimawandel.

Soja aus Südamerika für europäisches Mastvieh
Kategorie
Klimaschutz
Letztes Update
4/5/2018

Grund ist zum einen der enorme Ausstoss des Treibgases Methan und zum anderen die Emission, die bei der Aufzucht und durch den Transport entsteht. Auch die riesigen Flächen, die die Tiere benötigen, sind ein Problem. Aber noch eine weitere Komponente trägt zur Klimaschädigung bei: Für das Tierfutter wird Soja aus Argentinien, Brasilien und Paraguay importiert. Für die Plantagen werden nach wie vor weite Teile der letzten Regenwälder gerodet. So belastet insbesondere Rindfleisch das Klima dreifach.

“Der Wille ist stark, aber das Fleisch ist schwach,“ sagt der Volksmund. Im übertragenen Sinne meinte er damit den Unwillen Gutes zu tun, wenn es mit Anstrengung verbunden ist. Man könnte es auch mit dem Unwillen sich zu mässigen verstehen, speziell dann, wenn diese Mässigung mit persönlichen Einbussen verbunden ist. Einbussen der Bequemlichkeit, Einbussen des Genusses, Einbussen in unserem Geldbeutel.

Die industrielle Massentierhaltung stillt unsere schier unersättliche Fleischeslust. Schmackhaft, günstig, immer und überall verfügbar, heisst die Devise. Oder anders ausgedrückt – gierig, geizig, rücksichtslos!

Billigfleisch

Woher unser Billigfleisch stammt und unter welchen Bedingungen für Tier, Mensch und Umwelt dieses Fleisch produziert wird, ist hinlänglich bekannt. Die Medien bieten leicht zugängliche Informationen und nahezu täglich neue Schreckensmeldungen. Die Ausrede, von den Grausamkeiten gegenüber unseren tierischen Mitgeschöpfen, der Ausbeutung menschlicher Arbeitskräfte und der rücksichtslosen Zerstörung letzter Reservate nichts gewusst zu haben, zählt heute nicht mehr. Wider besseres Wissen nicht zu handeln, ist schlichtweg Ignoranz.

Fleisch aus der Region – Tierfutter aus Südamerika

Seit einigen Jahren ist eine Trendwende hin zu mehr Tierwohl und gesundheitsbewusster Ernährung erkennbar. Obgleich die Massentierproduktion noch immer expandiert, legen mehr und mehr Menschen Wert auf artgerechte Haltung und wollen wissen, woher das Steak auf Ihrem Teller eigentlich stammt. “Fleisch aus der Region“ ist zum neuen Schlüsselreiz geworden.

CO₂-Fussabdruck, ökologischer Fussabdruck

Tatsächlich haben einheimische Produkte einen weit geringeren CO₂-Fussabdruck als vergleichbare Produkte aus Übersee. (Zum Vergleich: ein Kilo Rindfleisch aus Lateinamerika verursacht so viel CO₂ wie etwa 1600 mit dem Auto gefahrene Kilometer. Die gleiche Menge Rindfleisch aus Europa kommt auf nur etwa 110 Kilometer.) Zudem ist die Schlachtung der Tiere vor Ort den unzumutbaren und grausamen Viehtransporten durch die halbe Welt klar vorzuziehen.

Allerdings ist dies nur die halbe Wahrheit: Auch auf dem Bauernhof nebenan führen Rinder, Schweine, Hühner, Schafe etc. längst nicht mehr ein paradiesisches Dasein auf der Weide. Den Bilderbuch-Bauernhof von anno dazumal gibt es nicht mehr. Den wenigen Idealisten und Biobauernhöfen fällt das Leben schwer. Der landwirtschaftliche Betrieb von heute befasst sich der Regel mit der Zucht und der Mast einer einzigen Tierart, unter möglichst kosten-, platz- und arbeitssparenden Bedingungen.

Futterherstellung wichtig für CO₂-Fussabdruck

Was unseren Fleischkonsum ausserdem fragwürdig macht, ist zudem die Herstellung des Futters für die Tiere. Wer glaubt, europäisches Schlachtvieh würde mit heimischem Gras, Heu, Kraftfutter etc. gefüttert, der irrt. Dies ist zwar in einigen Bio-Betrieben der Fall, ansonsten aber keineswegs die Regel. Hochwertiges, unbelastetes Futter, das die Tiere langsam wachsen lässt und Ballaststoffe enthält, wäre für die Tiere (und die Verbraucher) zwar viel gesünder, ist aber eben aus diesem Grunde nicht wirtschaftlich für die Produzenten. Das einzelne Tier soll schnell und kostengünstig an Gewicht zulegen und in Rekordzeit die Schlachtreife erreichen. Fein gemahlener Sojaschrot führt zu einer grösseren Nahrungsaufnahme als bei natürlichem Futter. Dass dieses Futter aufgrund fehlender Ballaststoffe bei mehr als der Hälfte aller damit versorgten Schweine zu Magengeschwüren bis hin zu Magendurchbrüchen führt, ist eingeplant und spielt keine Rolle. Schliesslich schadet eine solche Erkrankung dem Verbraucher nicht.

Woher aber stammt dieses Tierfutter eigentlich und wie belastet ist es?

Unter welchen Bedingungen wird es angebaut? Schaden uns Zusatzstoffe, Medikamente und Chemikalien im Futter am Ende selbst?

Verbraucher werden hinters Licht geführt – Lieferketten sind nicht transparent

Die Nutzung als Wirtschaftsflächen bedroht die letzten südamerikanischen Urwälder. Nach wie vor werden täglich weite Flächen gerodet und damit Lebensraum für Pflanzen, Tiere und indigene Völker unwiederbringlich zerstört. Die Gründe sind vielfältig. Einer davon ist der Anbau von Sojabohnen für Tierfutter. Einer der weltweit grössten Importeure dieses Rohstoffes ist Deutschland. Billig produziertes Fleisch, so wie es in deutschen Supermärkten verkauft wird, stammt fast immer von Tieren, die mit Viehfutter auf Sojabasis aufgezogen wurden.

Südamerika grosser Exporteur

Fast 4 Millionen Tonnen Sojabohnen und 3 Millionen Tonnen Sojaschrot werden alljährlich in die Bundesrepublik Deutschland eingeführt. Der grösste Teil davon stammt aus Südamerika. Die Urwälder Brasiliens und der Grand Chaco in Argentinien und Paraguay fallen den wachsenden Anbauflächen zum Opfer, obwohl bereits jetzt genügend Plantagen zur Verfügung stehen.

Die Sojabohnen hinterlassen katastrophale Auswirkungen auf Flora und Fauna und die Menschen, die mit ihrem Anbau zu tun haben. Das Klima, in dem die Bohnen angebaut werden, ist wenig geeignet für die üblichen Monokulturen. Die Sojabohne ist aber durch genetische Manipulation an die rauen Bedingungen angepasst. Um schnelle Erfolge ohne Ernteausfälle garantieren zu können, werden zudem grosse Mengen an Herbiziden wie zum Beispiel Glyphosat eingesetzt. Diese extremen Umweltgifte vergiften Wasserreservoirs, Seen, Flüsse und gelangen auch in das Grundwasser. Das verseuchte Wasser wird von Tieren, Pflanzen und auch von Menschen aufgenommen und führt zu schweren Erkrankungen wie Krebs, prenatalen Missbildungen und Atembeschwerden. Wo Siedlungen indigener Völker den neuen Plantagen im Wege sind, werden sie rücksichtslos vertrieben – nicht selten mit Gewalt. Mit dem Fleisch der Tiere gelangen die Gifte auch in den menschlichen Nahrungskreislauf.

Undurchsichtige Lieferkette

Die in aller Welt verteilten Konzerne, die dieses Soja beziehen, haben in der Regel keine eigenen Mitarbeiter vor Ort in Südamerika. Sowohl die Besitzverhältnisse und Lagerstätten als auch die Lieferketten sind unklar und daher kaum nachvollziehbar. Man kann davon ausgehen, dass diese Intransparenz Methode hat. Wer sich auf die Suche begibt und recherchieren möchte, der findet selten kooperative Gesprächspartner und für die Käufer selbst ist es viel bequemer, nicht zu wissen, woher ihre Ware eigentlich stammt. Da machen auch die westeuropäischen Abnehmer keine Ausnahme.

Neben Soja sorgt auch Kakao, Getreide und Palmöl für Negativschlagzeilen. Der Grossteil des weltweiten Agrarhandels wird hauptsächlich von fünf Großunternehmen gemanaged. Sie nehmen den Herstellern nicht nur die Erzeugnisse ab, sie sind es auch, die die Betreiber der Plantagen bezahlen und mit Agrar-Chemikalien versorgen. Die Plantagen selbst befinden sich oft in der Hand ausländischer Firmen. Einige haben ihren Sitz in Buenos Aires.

Akuter Handlungsbedarf

Dass die letzten Regenwälder akut bedroht sind und ein dringender Handlungsbedarf besteht, ist seit Langem bekannt. Wer aber kann verantwortlich gemacht werden, wenn es offiziell gar keine Verantwortlichen gibt? Gerade die Undurchsichtigkeit der Lieferketten ermöglicht es den Profiteuren, nahezu unentdeckt weiterzumachen wie bisher. So werden immer neue Gebiete abgeholzt für weitere Plantagen. Und das, obwohl es längst ausreichende Anbauflächen gibt.

Ohne die Möglichkeit, die Plantagenbesitzer direkt belangen zu können, bleibt deutschen Unternehmen jedoch der indirekte Weg auf dieses Gebaren zu reagieren. Sie haben es in der Hand, Rohstoffe, die aus solcher Herstellung stammen, nicht mehr abzunehmen. Zusammen mit den Tierfutterherstellern könnte es den Grossunternehmen des deutschen Lebensmitteleinzelhandels durch einen solchen Boykott gelingen, auf die Sojaindustrie einen gewissen Druck auszuüben. Sie hätten damit durchaus eine Machtposition inne, mit derer man zu einer späten Rettung der Naturschutzgebiete beitragen könnte. In Brasilien zeigt ein von der Bundesregierung und dem Deutschen Bauernverband verfasstes Positionspapier bereits erste Wirkung. So wollen deutsche Mastbetriebe und Futterproduzenten künftig nur noch auf umweltschonend angebautes Soja zurückgreifen.

Kein einheitlicher Standard

Was jedoch hierzulande immer noch fehlt, ist aber ein einheitlicher Standard, auf den die Abnehmer sich erst noch einigen müssten. Zudem muss ein Weg gefunden werden, die lange Kette vom Anbau auf der Plantage bis hin zur Einfuhr endlich lückenlos nachvollziehen zu können. Eine Möglichkeit könnte eine Kontrolle der Waldflächen sein, so wie sie heute im Amazonasgebiet in Brasilien bereits praktiziert wird. Die Kosten wären überschaubar: Laut Bericht der Umweltschutzorganisation Mighty Earth würde eine solche Waldüberwachung in allen Gebieten Lateinamerikas, die Soja produzieren, nicht einmal USD 1 Million kosten.

Für die verantwortlichen Unternehmen wäre dies sicher eine kleine Investition – aber eine grosse für unsere Erde!

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