Das absehbare Ende von natürlichen Ressourcen.

Wasser – es ist neben der Luft, die wir atmen das wichtigste Grundelement auf der Erde. Es erfrischt uns nicht nur, reinigt uns und erhält uns am Leben, es ist ein elementares Bedürfnis und Grundvoraussetzung für jede Form von Leben. Dass uns dieses Element jederzeit und in unbegrenzter Menge zur Verfügung steht, scheint uns zumindest in der westlichen Welt eine Selbstverständlichkeit zu sein. Zwar kennen wir alle seit Jahrzehnten die Bilder von Dürrekatastrophen und verhungernder, verdurstender Kinder in Afrika. Aber der Kontinent, in dem Trockenzeiten und Hungersnöte “von Natur aus“ zu den klimatischen Besonderheiten gehören, ist weit weg und wir alle lebten in der Sicherheit der zufällig Privilegierten, die in der gemässigten Zone geboren wurden. Aber die Zeiten ändern sich. Viel schneller als gedacht führt uns der Klimawandel vor Augen wie kostbar ein Element ist, mit dem wir bisher einen sehr sorglosen, verschwenderischen Umgang pflegten. In unseren Breiten kam das Wasser umsonst vom Himmel – und zwar reichlich! Ausbleibender Regen über Monate? Unvorstellbar! Die derzeitige Wasserknappheit und die Auswirkungen des Supersommer vom letzten Jahr, sind alles andere als ein warnender Vorgeschmack. Mancherorts ist in diesem Jahr bereits das Auffüllen privater Swimmingpools untersagt. Betroffen ist aber nicht nur die Grundversorgung der Bürger, sondern zunehmend auch Unternehmen und Konzerne.
Bereits im letzten Jahr kam es mancherorts zu dramatischen Senkungen des Wasserpegels in Flüssen und Seen. Mit der Überhitzung durch die Sonneneinstrahlung und dem damit verbundenen Sauerstoffmangel kippten viele Gewässer um. Im Aasee in Münster kam es zu einem Massenfischsterben. Manche Pegelstände sanken um bis zu 15 Zentimeter pro Tag. Die Ufer des Rheins lagen monatelang trocken. Die beiden Talsperren der Gelsenwasser AG in Haltern waren nur noch zu einem Drittel gefüllt. Bootsanlegestege und Uferbereiche lagen auch hier bis zum Jahresende auf dem Trockenen.
Im Notfall wird man den Wasserverbrauch im Ruhrgebiet senken müssen. Bisher sind Privathaushalte in der Region von einer Reglementierung nicht betroffen und lediglich das Fahrgastschiff “Möwe“ hatte neben einigen anderen Bootsbesitzern leichte Schwierigkeiten den Anlegesteg zu erreichen. Noch droht kein Versorgungsengpass; ein Leerlaufen des Sees muss aber unter allen Umständen verhindert werden, denn dies würde einen massives Fischsterben zur Folge haben. Zahlreiche tote Fische waren schon im Juli dieses Sommers zu beobachten.
Grund für die sinkenden Pegelstände in Flüssen und Seen sind aber nicht allein die ausbleibenden Niederschläge. Der mangelnde Regen ist die eine Folge der Erderwärmung; die andere Ursache ist das Abschmelzen von Permafrostböden, Polareis und Gletschern. Letztere schmelzen auch unter “normalen“ Bedingungen im westeuropäischen Sommer stets zu einem gewissen Teil ab und speisen damit den Rhein. Bei einer so starken Schmelze wie derzeit kommt es aber nicht zum Hochwasser in den Flüssen, sondern zu immer kleineren und letztendlich gar nicht mehr vorhandenen Gletschern.
Im Jahr 2003 lag der Schmelzwasseranteil des Wassers im Mittelrheintal bei etwa 20 %. Im Zuge einer weiteren Erderwärmung wird das Schmelzen der Alpengletscher für eine weitere Absenkung der Pegelstände mitverantwortlich sein. Bisher haben durch die heißen, trockenen Sommer der jüngsten Vergangenheit die Gletscher in der Schweiz bereits ein Fünftel ihres Gesamtvolumens verloren. In jedem weiteren Sommer steht den Flüssen daher weniger Schmelzwasser zur Verfügung.
Der niedrige Wasserstand wirkt sich primär auf die Schifffahrt aus. Die Transportwaren, die nicht mehr geliefert werden können, bringen weitere Unternehmen in Probleme. Schon im Sommer 2018 war die Rheinschifffahrt monatelang stark beeinträchtigt. Das Niedrigwasser mit Rekordtiefstwerten in Nordrhein-Westfalen hatte dazu geführt, dass Uferbereiche vertrockneten und die beschiffbare Fahrrinne auf 150 Meter Breite und wenige Meter Tiefe schrumpfte. Dies führte zwangsläufig zu zahlreichen Lieferengpässen.
Auch der Linienverkehr auf dem Wasser musste mancherorts vorzeitig eingestellt werden. Im Sommer 2018 stellte die Schifffahrtsgesellschaft aus Sicherheitsgründen den Linienverkehr zwischen Düsseldorf und Mainz schon Tage vor dem eigentlichen Saisonende ein. Das auf der Rheininsel Nonnenwerth bei Bonn gelegene Franziskus-Gymnasium konnte zwischenzeitlich nicht angefahren werden, so dass etwa 600 Schüler und ihre 60 Lehrer nicht am Schulbetrieb teilnehmen konnten. Ähnlich erging es den Pendlern zwischen Himmelgeist und Üdesheim. Seit mehr als zehn Jahren musste auch hier der Personentransport erstmals wieder unterbrochen werden. Den Rheinfährbetrieben kommen diese Ausfälle teuer zu stehen. Es bleibt Ihnen jedoch nichts anderes übrig als diese Phasen „auf dem Trockenen“ auszusitzen.
Auf dem Rhein können insbesondere grosse Schiffe nur noch mit halbierter Fracht passieren. Containerschiffe haben vollbeladen einen Tiefgang von bis zu vier Metern, die Fahrrinne ist in den letzten beiden Sommern jedoch teilweise nur 2,30 Meter tief. Dies wiederum führt zu Lieferengpässen bei Unternehmen, die auf die Güter und Rohstoffe angewiesen sind. So konnte im vergangenen Jahr das Steinkohlekraftwerk in Hamm nicht beliefert werden. Infolgedessen musste der Energiekonzern RWE das Werk im Sommer für einige Tage vom Netz nehmen. Auch Tankstellen mussten in Nordrhein-Westfalen auf Nachschub warten. Ihnen ging zwischenzeitlich der Sprit aus. Unternehmen müssen aufgrund des niedrigen Wassers in Deutschland deutlich mehr zahlen für die Versorgung ihrer Werke.
Infolgedessen werden auch die Preise für Heizöl und andere Rohstoffe deutlich steigen. Der Industriekonzern ThyssenKrupp hat bereits zusätzliche Schiffe für den Verkehr zwischen Rotterdam und Duisburg angemietet. Vor ähnlichen Problemen stehen auch der Chemiehersteller Lanxess, der Chemiekonzern BASF und die stahlverarbeitende Industrie. Wo es möglich ist wird die Fracht vom Wasserweg auf Strasse und Schiene verlegt.
Während bisher vornehmlich Wirtschaftsinteressen der Umsetzung von Klimaschutzzielen im Weg standen, so sind es mittlerweile zahlreiche Unternehmen selbst, denen die Folgen des Klimawandels zu schaffen machen. Betroffen sind nicht mehr nur Natur, Umwelt und Menschen in Drittweltländern, sondern auch die Schifffahrt und mit ihr Energieversorger und rohstoffverarbeitende Industrien.
Das Problem ist auf bestem Wege ganze Industriezweige trocken zu legen. Mit einer wenig nachhaltigen Politik sägt die Wirtschaft langsam aber immer tiefer am Ast auf dem sie selbst sitzt. Eine gute Seite scheint die Misere zumindest zu haben; wenn man im Zusammenhang mit dem menschen-verursachten Klimawandel überhaupt etwas Positives finden kann: Nur da wo finanzielle Einbussen zu befürchten sind, sind Wirtschaftslobbyisten und Klimaleugner bereit an Stellschrauben zu drehen.
Klimaschutzziele werden nur umgesetzt, wenn es beginnt weh zu tun. Das ist im Grossen nicht anders als im Kleinen. Wo aber; wie etwa bei den Energieversorgern; die entstehenden Kosten letztendlich wieder auf den Endverbraucher umgelegt werden, fällt die Industrie noch immer relativ weich.