Freitag, 13. April 2018

Atomkraft heute (Teil 10)

1952 Chalk River, Kanada; 1957 Majak, 1957 Windscale, Sellafield, Großbritannien; 1968 Lucens, Schweiz; 1972 Santa Maria de Garona, Spanien; 1974 Leningrad, Sowjetunion; 1975 Greifswald, Deutschland; 1979 Doel, Belgien; 1979 Three Mile Island, Pennsylvania, USA; 1981 La Hague, Frankreich; 1989 Krsko, Slowenien; 1999 Tokai-Mura, Japan; 2011 Fukushima, Japan und zahlreiche weitere Beispiele zeigen: Tschernobyl ist längst nicht das einzige Werk, in dem es zu Störfällen der Stufen 0 (geringe Gefahr) bis 7 (grösste Katastrophe) gekommen ist. Die Kette von Unfällen zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Kernenergie, die den Atomstrom mehr und mehr in Frage stellen. Neben Bedienungsfehlern sind es Naturkatastrophen, die die Schäden hervorrufen und damit ebenso wenig kalkulierbar sind wie menschliches Versagen.

Nach Fukushima hat Deutschland den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Die Bundesregierung will bis zum Jahr 2022 alle Kernkraftwerke im Lande schrittweise abschalten. Deutschland sieht einen erhöhten Handlungsbedarf trotz der Gefahr, dass es dadurch in Süddeutschland vor allem während der Wintermonate zu Engpässen in der Energieversorgung kommen könnte. Deutschland zählt weltweit zu den Ländern mit den höchsten Sicherheitsstandards. Solange aber nicht alle anderen Länder mitziehen, dürften die eigenen Bemühungen wenig bringen. Zu bedenken ist auch, dass ein Atomkraftwerk zwar vom Netz genommen werden kann, dies aber nicht die Abschaltung des Werkes bedeutet. Die technische Überwachung und die Aufrechterhaltung des Kühlkreislaufes müssen für alle Zeiten weiterlaufen um das radioaktive Material im Innern unter Kontrolle zu halten.

Goethes Zauberlehrling jammerte nachdem er Kräfte entfesselt hatte, die zunächst hilfreich schienen, aber dann völlig außer Kontrolle gerieten: „Die Not ist gross. Die ich rief, die Geister, werd´ ich nicht mehr los.“ Ganz ähnlich ergeht es auch uns. Zu spät haben wir gesehen – sehen wollen – dass der Nutzen der Atomenergie mit furchtbaren Nachteilen verbunden ist und dass Nachhaltigkeit mit dieser Methode nicht möglich ist. Eine saubere Alternative zu den fossilen Energieträgern Erdgas, Erdöl und Kohle ist sie nicht.

Die Sonne geht unter. Ein malerischer Mond zieht über den Wäldern von Tschernobyl auf. Die Temperaturen sinken auf -21 Grad. Wir sind froh als Juri uns entgegenfährt und steigen schnell ein. Im Wagen aber ist es heiss wie in einer Sauna. Unsere Schuhe und Anoraks dampfen. Die Objektive der Kameras und die Schneebrillen beschlagen. Die Scheiben vereisen und Juri gibt Gas. Er und Jewgeni haben es eilig nach Kiew zurückzukommen, wo Frauen und Kinder auf sie warten. Wir sind müde und hungrig. Unsere Gefühle reichen von Euphorie, gestillter Neugier bis hin zu tiefer Beklemmung und einer gewissen Hoffnungslosigkeit angesichts der Zukunft unseres Planeten. Wir werfen einen letzten Blick zurück. Tschernobyl verschwindet ganz langsam im Dunkel der Nacht.

 Hier geht's zum ersten Teil 

 

 

 

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