Freitag, 13. April 2018

Die Entsorgung des radioaktiven Materials (Teil 9)

Es wird bereits dunkel als wir uns auf den Rückweg machen. Wie vor dem Betreten der beiden Sperrzonen müssen wir auch nun wieder verschiedene Stationen durchlaufen. Nur werden diesmal nicht Pässe und Papiere geprüft, sondern unsere Kleidung auf Kontamination getestet. Ist die Belastung zu stark, müssen die verseuchten Teile abgegeben werden und werden verbrannt. Das hatten wir vorher nicht gewusst. Aber wir haben Glück und kommen „sauber“ durch jede Kontrolle. Jewgeni hat weniger Glück. Ausgerechnete seine neuen Wanderschuhe weisen eine hohe Verstrahlung auf. Möglicherweise hat er unbemerkt auf einem Stück Graphit gestanden. Waschen hilft da wenig. Auch nach dem Versuch die Schuhe zu säubern, zeigt das Gerät eine hohe Strahlung an. Die teuren Schuhe werden zu seinem grossen Bedauern vernichtet. Aber Jewgeni weiss, dass es zu seinem eigenen Besten ist. Wirklich behalten wollen würde er die Schuhe nun nicht mehr.

Unser Erlebnis zeigt: Viel verändert hat sich seit der Evakuierung der rund 400.000 direkt Betroffenen vor 32 Jahren nicht. Die Probleme, die die Strahlung in der Region noch immer verursacht, werden auch für die Zukunft erhalten bleiben. Die unterschiedlich stark strahlenden Materialien Caesium, Uran, Plutonium, Strontium und Jod sind auch heute noch deutlich nachweisbar. Nach der Explosion war das Nuklid Caesium 137, welches besonders leicht ist, auch im Süden von Deutschland noch zu messen. Plutonium, Strontium und Uran verbreiteten sich weniger stark. Durch die unterschiedliche Halbwertzeit der Stoffe ist die Region um Tschernobyl auch heute noch sehr unterschiedlich stark kontaminiert.

Zwar haben wir bisher einen Super-Gau wie den von Tschernobyl und Fukushima nicht zu beklagen gehabt, aber auch uns machen unsere Kernkraftwerke grosses Kopfzerbrechen. Nicht nur eventuelle Unfälle sorgen für Angst, sondern ebenfalls der radioaktive Müll, der auch im Normalfall immer anfällt. Ausgediente Brennstäbe werden durch mehrfache Ummantelungen vor dem Austreten radioaktiver Strahlen gesichert. Der Witterung ausgesetzt können diese aber mit der Zeit spröde werden und Strahlung durchlassen. Kernkraftwerke in Deutschland gelten als die sichersten der Welt – aber auch sie produzieren Müll.

Im April 1995 fand unter heftigen Protesten von Umweltschützern in Deutschland der erste Castor-Transport nach Gorleben statt, bei dem die abgebrannten Kernbrennstäbe zwischengelagert werden sollten. Die schwach bis mittelstark strahlenden Abfälle aus Medizin, Forschung, Energiegewinnung und Industrie werden ausserdem in Morsleben oder Wolfenbütten gelagert. Sicher sind diese Endlager fast nie. Immer wieder kommt es zu Rissen in den Fässern, in denen der radioaktive Müll gelagert wird und Material tritt aus. Der bei durch die Wärmeentwicklung im Innern der Fässer entstehende Hitzestau, begünstigt zudem die Korrosion der Fässer. Besonders problematisch ist die Entsorgung des hochradioaktiven Plutoniums mit einer Halbwertzeit von 24.000 Jahren, das sich außerdem zur Herstellung von Neutronenbomben eignet.

Weltweit entstehen rund 12.000 Tonnen radioaktive Abfälle pro Jahr. Um das gefährliche Material loszuwerden wird überlegt grosse Mengen in den Ozeanen zu versenken. Durch das Salzwasser rosten die Fässer aber besonders schnell und könnten ihre gefährliche Ladung ins Wasser entlassen und von dort in Fische und andere Meeresbewohner bis hinein in die Nahrungskette und somit in den Menschen gelangen. Mehrere 10.000 Tonnen sollen schon heute allein im Nordatlantik liegen.

Ein weiterer ebenso wenig nachhaltiger Vorschlag ist das Einfrieren des Abfalls im „ewigen Eis“. Dass die Pole bereits jetzt durch die Klima-Erwärmumg abschmelzen ist bekannt. Die Hitze des strahlenden Mülls dürfte ein Übriges tun. Die Fässer würden innerhalb kurzer Zeit wahrscheinlich ziellos im offenen Meer treiben.

Als Atommüllendlager zieht die Politik auch die Tiefen des Erdmantels oder sogar den Weltraum in Betracht. Auch hier sind die Lösungen aber mit hohen Risiken verbunden. So könnte eine beim Start in den Orbit explodierende Rakete eine Katastrophe vergleichbar des Super-Gaus von Tschernobyl auslösen. Für das Einlagern in den Tiefen der Erde gibt es zurzeit keine geeigneten Technologien. Voraussetzung ist dabei immer, dass kein Wasser an die Behälter gelangen kann. Zum einen müssen die Fässer vor Korrosion geschützt werden und zum anderen ist unbedingt zu vermeiden, dass Radioaktivität in das Grundwasser gelangt. Zurzeit gibt es keine dauerhaft sicheren Endlager.

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