Freitag, 13. April 2018

Die Liquidatoren von Tschernobyl (Teil 6)

Es ist Zeit, dass wir weitergehen. Hier ist die Strahlung zu hoch um sich länger aufzuhalten. Wir laufen über Strassen und Plätze, an Hochhäusern entlang, an denen Bäume bis in die obersten Etagen hochgewachsen sind. Hagebutten leuchten in sattem Rot vor dem Schnee. Wir fahren unsere nächste Station an: das Epizentrum der Katastrophe am Lenin-Kraftwerk.

Jewgeni erzählt, wie er als Teenager die Katastrophe erlebte. Er wohnte mit seiner Familie in Kiew. Von einem Tag auf den anderen waren die Strassen der Stadt voller Militär, Panzer und Soldaten. Gleichzeitig gab es keine Busse mehr. Der öffentliche Verkehr kam vollständig zum Erliegen. Man dachte, es sei ein Krieg ausgebrochen. Die Behörden hatten ohne weitere Informationen sämtliche verfügbaren Fahrzeuge des Landes nach Tschernobyl, Prypjat und Weissrussland abgeordert, um dort Menschen zu evakuieren. Egal wohin. Frauen und Kinder zuerst. Hauptsache weg von der Unglücksstelle. Wie schlimm es war, wussten die Menschen auch bei ihrer Evakuierung nicht. Ein paar Tage, eine Woche vielleicht würden sie gehen müssen – so dachten sie und nahmen nur das allernötigste mit. Dass viele von ihnen zu dem Zeitpunkt bereits hoffnungslos verstrahlt waren, erfuhren sie erst bei Ausbruch der Strahlenkrankheit. Viele zurückgelassene Haustiere fanden in den kommenden Tagen einen qualvollen Tod in Folge des Fallouts.

Auch die Ersthelfer verkannten das hohe Risiko. Viele wollten es auch einfach nicht wahrhaben – irgendjemand musste die Arbeit ja machen. Es liegt wohl in der menschlichen Natur, sich an Zustände, welcher Art auch immer, schnell anzupassen und zu gewöhnen. So verlor für viele Ersthelfer die Gefahr nach einigen Tagen ihren Schrecken. Radioaktivität ist schliesslich nicht sichtbar wie ein gefährliches Tier. Dennoch berichteten viele von unerträglichen Kopfschmerzen schon während der Arbeit, Herzrasen und einem bleiernen Geschmack im Mund - Schmerzen, die sie im Wodka zu ertränken versuchten.

Aus allen Teilen der damaligen Sowjetunion wurden hunderttausende Arbeiter nach Prypjat geholt, um die Unglücksstelle aufzuräumen und einen ersten Mantel aus Blech und Beton über dem explodierten Block 4 hochzuziehen. Liquidatoren wurden sie genannt – Beseitiger. Für viele sind sie zu Helden geworden. Zu tragischen Helden, die während ihres Einsatzes oft nicht einmal ahnten, welcher tödlichen Gefahr sie ausgesetzt waren. Es ist allein ihnen zu verdanken, dass die radioaktive Wolke nicht noch grösser wurde, als sie tatsächlich war.

Den Kernbrennstoff Uran, der bei der Explosion aus dem Reaktor geschleudert worden war, mussten die Arbeiter einsammeln und in den geborstenen Reaktor zurückwerfen. Einer Strahlung von unvorstellbaren 500 Sievert pro Stunde waren sie dabei ausgesetzt. Dass jeder Einsatz nur etwa 90 Sekunden dauerte, rettete die Arbeiter ebenso wenig wie ihre Gasmasken und Schutzanzüge. Drei Menschen kamen bei der Explosion zu Tode, 28 starben in den kommenden Wochen. Die Verstrahlung war so stark, dass in der Folge etwa 125.000 weitere Arbeiter verstorben sind. Auch wenn sie nach der Arbeit ihre konterminierten Schutzanzüge ablegten und aus der Reaktoranlage fahrende Autos untersucht und gewaschen wurden, brachten sie die Verstrahlung mit nach Hause in ihre Familien.

Unzählige Tonnen Blei wurden mit Lastwagen angefahren und mit Hilfe von Hubschraubern in den Reaktor fallen gelassen. Dabei stürzte auch ein Hubschrauber, der mit den Rotorblättern gegen einen Kran flog, über der Unglücksstelle ab. Die Piloten starben auf der Stelle. Um das bis in die untersten Stockwerke und den Boden unter dem Reaktor eingesickerte Uran nicht in das Grundwasser gelangen zu lassen, wurden zudem versucht einen Tunnel unter den Reaktor zu graben um an das strahlende Material zu kommen. Der Versuch misslang. Mondfahrzeuge wurde eingesetzt um die Arbeiten ferngesteuert weiter zu leiten. Die Strahlung aber setzte die Elektronik der empfindlichen Geräte in kürzester Zeit ausser Kraft.

Eine anschliessende Unterstützung gab es für die Liquidatoren wenig bis gar nicht. Zwar wurden Medikamente an die Menschen ausgegeben, die unter den unmittelbaren Folgen der Strahlenkrankheit zu leiden hatten, allerdings verteuerten diese sich im Laufe der Behandlung so eklatant, dass viele Patienten sie sich schlichtweg nicht länger leisten konnten.

Ich erinnere mich an Jura, einen Physiker und Freund unserer Familie, der uns in den neunziger Jahren oft in Deutschland besuchte. Auch er berichtete, nach der Katastrophe kontaktiert worden zu sein. Das zugesagte Gehalt war äusserst verlockend. Es war seine Frau Nadeshda, die vehement dagegen war, dass Jura sich nach Prypjat begab. Im Nachhinein war er froh über diese Entscheidung. “Für uns war Wodka das Allheilmittel gegen jede Krankheit. Auch vor der Strahlenbelastung. Das glaubten wir tatsächlich. Dass es sich bei den Aufräumarbeiten um die Auswirkungen eines Unfalls im Reaktor handelte, wussten wir nicht. So war uns auch die Gefahr nicht bewusst, in die ich mich begeben hätte, wenn meine Frau mich nicht zurückgehalten hätte.“

Auch die versprochenen Sozialleistungen wurden für die Liquidatoren immer weiter gekürzt und letztendlich ganz eingestellt. Zwar mussten die Aufräumarbeiter seit 2016 nach einem neu verabschiedeten Gesetz keine Steuern mehr auf ihre Renten zahlen, allerdings waren diese Invalidenrenten an sich schon so gering, dass die Betroffenen davon kaum überleben könnten. Die Steuerentlastung hielt zudem nicht lange an. Präsident Poroschenko stellte die Begünstigung kurzerhand wieder ein.

Viele der Aufräumarbeiter von damals sind tot. Die Überlebenden kämpfen auch heute noch mit den gesundheitlichen Spätfolgen, schweren Hirnschäden, Atemwegserkrankungen und verschiedenen Krebsleiden.

Es ist Zeit, dass wir weitergehen. Hier ist die Strahlung zu hoch um sich länger aufzuhalten. Wir laufen über Strassen und Plätze, an Hochhäusern entlang, an denen Bäume bis in die obersten Etagen hochgewachsen sind. Hagebutten leuchten in sattem Rot vor dem Schnee. Wir fahren unsere nächste Station an: das Epizentrum der Katastrophe am Lenin-Kraftwerk.

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