Freitag, 13. April 2018

Der Kindergarten von Kopachi (Teil 5)

Während Jewgeni berichtet und wir gebannt zuhören, bahnen wir uns einen Weg über die ehemalige breite Durchgangsstraße. Sie ist längst zugewachsen und schmal wie ein Feldweg. Die Hunde begleiten uns auf Schritt und Tritt und versuchen immer wieder ihre Nasen in die Jackentaschen zu schieben. Manche Holzhäuser entlang der Straße sind in der Woche nach der Explosion gezielt zum Einsturz gebracht worden, um zu vermeiden, dass sie Feuer fangen würden. Nichts wäre in der Situation schlimmer gewesen, als weitere Brände, durch die die Strahlung sich erneut hätte ausbreiten können.

Auch die meisten stehen gebliebenen Häuser sind mittlerweile verfallen. Wir betreten einen Laden mit eingestürztem Dach. Die Kühltheke steht noch an der hinteren Wand, aber wir wagen es nicht über den kaputten Boden näher zu kommen. „Passt gut auf wo ihr hintretet,“ hat Jewgeni gesagt. Als wir an der Kirche vorbeikommen, deren Dach noch immer golden strahlt, kommen weitere Hunde aus dem Portal gelaufen und gesellen sich ebenfalls zu uns. Juri wartet mit dem Wagen am Ende der Strasse und lädt uns wieder ein. Wir fahren in die Stadtmitte und weiter zum Kindergarten der Ortschaft Kopachi.

Vor dem Eingang schnellt der Geigerzähler auf 15 Mikrosievert hoch. Wir sind erschrocken, aber Jewgeni lacht nur: Wir haben Winter und die dicke Schneeschicht hält einen grossen Teil der Strahlung ab. Im Sommer steigen die Werte locker auf das Fünffache. In den Gebäuden aber darf wegen der starken Kontamination nichts berührt werden. So war die Natur die einzige, die in den letzten drei Jahrzehnten hier gewirkt hat. Keine Menschenhand hat nach dem überstürzten Aufbruch aufgeräumt, etwas verrückt oder beiseitegeschafft. Die hölzernen Böden und Decken sind morsch und teilweise eingebrochen.

Die Stille ist unwirklich. Die Fensterscheiben sind zerschlagen. Eisiger Wind und etwas Schnee dringt die Räume, in denen einstmals fröhlicher Kinderlärm zu hören gewesen sein muss. Spielsachen liegen verstreut herum. Ein Turm aus bunten Klötzchen steht noch immer. Der Wind bläst einen Ratgeber für junge Mütter aus dem Regal. Man meint die Schatten der Menschen noch wahrzunehmen. Gerade das macht die Atmosphäre bedrückend und geradezu gespenstisch. Wie Mahnmale sitzen halbnackte Puppen mit schmutzigen Gesichtern und leeren Augenhöhlen in kahlen, verstaubten Kinderbettchen. Ihre Blicke sind anklagend. „Seht uns an,“ scheinen sie zu sagen: „Wir sind die stummen Stimmen der Geister, die ihr rieft! Wir waren die Lieblinge von Kindern, denen ihr die Lebensgrundlage genommen habt.“ Hier wird man unangenehm dazu ermahnt, das eigene Energie-Konsumverhalten zu hinterfragen.

 

Farbe und Putz bröckelt von den Wänden, die Böden sind marode und jeder Schritt kann im Keller enden. In der kleinen Kochnische wurde offenbar bis zur plötzlichen Evakuierung noch Essen zubereitet. In geöffneten Dosen sind mumifizierte Lebensmittelreste zu sehen. In den Regalen des Büros sind Vogelnester. Durch die zerborstenen Fensterscheiben dringt lautlos und beinahe tröstlich ein wenig weisser Schnee in die Räume. Tschernobyl fordert sämtliche Emotionen heraus. Beklemmung in den verwahrlosten Gebäuden, die noch eben belebt zu sein schienen und nun verlassen sind und im Gegensatz dazu die Bewunderung für die herrliche Natur draussen.

 

Ein ähnliches Bild bietet sich uns in Prypjat. Fast 50.000 Einwohner hatte die Stadt vor der Evakuierung. Wir besichtigen einen Supermarkt, das Theater, den Freizeitpark. Wie das Skelett eines toten Sauriers steht das Riesenrad rostig inmitten hoher Bäume auf dem Platz. Nur die Gondeln wetteifern noch immer in leuchtendem Gelb mit dem Blau des klaren Himmels. Verrostet ist auch das Karussell und die Wagen im Autoscooter. Im Mai 1986 sollte der Freizeitpark eröffnet werden. Pünktlich zum Tag der Arbeit hätte es hier zur Einweihung ein grosses Fest gegeben. Sicher hatten sich viele; insbesondere die Kinder der Stadt; sehr darauf gefreut. Nun ist alles totenstill. So still, dass das plötzliche Klappern eines losen Blechs am Riesenrad uns vor Schreck zusammenfahren lässt. In den Sitzen hat nie wieder ein Kind gesessen. In den Buden nie ein Vater oder eine Mutter einen Lutscher für den Nachwuchs gekauft. Das vergangene Leben ist geisterhaft spürbar – überall in der Stadt. Es spiegelt sich heute in den gespenstigen Schatten der Supermarktregale, in den abgerissenen Kinoplakaten, in überall verstreuten Schulbüchern…

 

Was mögen die Menschen empfunden haben, nachdem man sie Tage später endlich mit der Wahrheit konfrontierte - lange nachdem bereits die ganze Welt Bescheid wusste und die Menschen hier rücksichtslos verstrahlt worden waren? Zwar hatten sich in der Zwischenzeit in der Stadt Gerüchte verbreitet – ein grosser Teil der Arbeiter des Atomkraftwerkes stammte ja von Prypjat. Aber die Sowjetunion hatte bis zuletzt ihren Mantel des Schweigens über das wirkliche Ausmass der Katastrophe gedeckt.

Am Supermarkt melden die Geigerzähler einen Hotspot. 68 Mikro-Sievert zeigen die Displays an und das Knacken der Geräte wird zu einem schrillen Dauerpfeifton. Wahrscheinlich liegt hier irgendwo einer der Graphit-Brennköpfe, die die Aufräumarbeiter damals mit Schaufeln einfach weiträumig in der Gegend verteilt hatten. Die Zeit reicht gerade um ein Foto vom Display zu machen. Hier sollten wir schnell weg. Hier kommt man innerhalb weniger Stunden an seinen Jahresgrenzwert von etwa 1000 Mikro-Sievert.

 

Es ist kaum zu fassen, wie sorglos die Menschen seinerzeit mit der Gefahr umgegangen sind. Uns fällt auf, dass im Supermarkt viele Einrichtungsgegenstände fehlen. Auch die Fenster, Fensterbänke und ähnliches sind fort. Wo sind sie geblieben? Jewgeni erklärt, dass kurz nach dem Unglück viele Materialien für eine Weiterverwertung einfach demontiert und mitgenommen worden sind um sie anderswo der Wiederverwendung zuzuführen.

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