Freitag, 13. April 2018

Tschernobyl 2018 – 32 Jahre nach dem Unglück (Teil 3)

Anfang März ist noch immer tiefer Winter in der Ukraine. Die Strassen sind nicht geräumt und an den Rändern türmt sich meterhoch der Schnee. Verkehrsschilder mit der kyrillischen Aufschrift Tschernobyl weisen den Weg ins Niemandsland. An der Grenze zur 30 Kilometer-Sperrzone werden wir von schwer bewaffneten Grenzern gestoppt. Die Einlasskontrollen und die Überprüfung unserer Papiere dauert mehr als eine Stunde. Jewgeni, der für uns auch übersetzt, erledigt das, während wir mit eingefrorenen Füssen im Wagen warten. Dann geht der Fallbaum hoch. Willkommen in Tschernobyl.

Das erste was auffällt, ist eine zu dieser Jahreszeit atemberaubend schöne Winterlandschaft. Endlose verschneite Ebenen und dichte Wälder säumen die Strasse nach Tschernobyl-Stadt. Der Himmel ist strahlend-blau und das Auge schmerzt beim Blick auf die gleissenden Schneeflächen. Max holt seine Schneebrille aus der Jackentasche. Mir bleibt nur die Augen zusammen zu kneifen. Mit Brille kann ich nicht fotografieren.

Wüsste ich nicht wo ich mich gerade befinde, könnte ich die Gegend für ein märchenhaft schönes Gebiet mit reichlich Potential für Wintertourismus halten. Frische Luft. Man hat gleich das Bedürfnis tief durchzuatmen und die Lungen mit Sauerstoff zu füllen. Wohltuend ist auch die Stille ringsum. Nichts ist zu hören. Der dicke Schnee schluckt selbst die Motorengeräusche unseres Minibusses. Die Schönheit der Landschaft weckt in mir Verständnis für die Menschen, die sich geweigert haben, sich von hier evakuieren zu lassen und wenig später zurückgekommen sind. Von der Verstrahlung wollen sie nichts hören und streiten diese sogar vehement ab. Offiziell ist das dauerhafte Wohnen für Menschen hier zwar nicht gestattet, es wird bei diesem kleinen Personenkreis jedoch geduldet.

Wegen der nicht vorhandenen Infrastruktur sind sie telefonisch mit der Tschernobyl-Zentrale verbunden; einmal in der Woche kommt ein Versorgungsbus vorbei. Ansonsten leben sie von dem, was die Natur ihnen zu bieten hat. Das Wasser aus dem Dnjepr und dem Prypjat, vor dem man uns eindringlich gewarnt hat, trinken sie seit Jahrzehnten. Das Gemüse und Obst kommt aus dem eigenen Garten. Sie führen eine uriges, auf den ersten Blick geruhsames und gemütliches Leben, das einen fast neidisch macht. Wenn nur die Gewissheit der unsichtbaren, tödlichen Gefahr nicht wäre, auf die uns das an- und abschwellende Knattern der Geigerzähler immer wieder aufmerksam macht.

Für uns ist der Aufenthalt in der Sperrzone relativ gefahrlos. Wir sind spätestens heute Abend wieder weg und wissen in jedem Augenblick welche Strahlung wir abbekommen. Natürlich werden wir heute einer enorm hohen Dosis im Vergleich zu allen anderen Tagen unseres gewohnten Lebens ausgesetzt. Allerdings: „Trinkst du eine Flasche Wodka über ein ganzes Jahr verteilt, dann merkt deine Leber nichts davon. Trinkst du aber eine Flasche in einer Stunde - das überlebst du wahrscheinlich nicht,“ sagt Jewgeni. Die Dosis macht das Gift.

Nach wenigen Kilometern erreichen wir die ersten Vororte von Tschernobyl-Stadt. Wir parken den Wagen am Rand der Straße. Augenblicklich sind wir umzingelt von wildlebenden Hunden. Lautlos wie Phantome sind sie aus dem Wald gestürmt, sobald sie den Wagen wahrgenommen haben. Wir machen uns zu Fuss auf den Weg durch das Dickicht, das einmal ein Ort mit Wohnhäusern, Geschäften und einer Schule gewesen war.

Die Hunde begleiten uns in der Hoffnung, uns ein Butterbrot aus der Tasche ziehen zu können. Sie wirken weder verwahrlost noch abgemagert. Sie sind fröhlich und sehr zutraulich. Äusserlich scheinen sie von sibirischen Huskys abzustammen – ihr dichter Pelz schützt sie hervorragend vor den extremen Minusgraden. „Sie leben in den Ruinen und werden von den Wissenschaftlern gefüttert“, erklärt Jewgeni und streichelt einen braunen Hund mit bernsteinfarbenen Augen, der ihm regelrecht an der Hose klebt. Zwischen den Bäumen stehen verfallene Gebäude. Eingestürzte Dächer, zerborstene Fensterscheiben, verrottete Fussböden – sie zu betreten ist nicht ganz ungefährlich. Dennoch stapfen wir durch den knietiefen Schnee in den Eingängen und sehen uns vorsichtig um. Wäre Sommer und die Bäume belaubt, würde man die Häuser am Rand der zugewachsenen Strasse überhaupt nicht sehen. In der Schule nisten Vögel in den Bücherregalen. Die Natur ist zurück. An den vielen Wildtieren und Pflanzen in der Region werden regelmässig Tests durchgeführt, die die deutlichen negativen Auswirkungen der radioaktiven Bestrahlung bestätigen. Bei den hier lebenden Menschen wird es nicht anders sein.

Der Ort Tschernobyl liegt fast 20 Kilometer vom Reaktor entfernt am Stadtrand der damals 50.000 Einwohner zählenden Stadt Prypjat. Die in Plattenbauweise errichtete Stadt galt mit ihren modernen Supermärkten, Theatern und Freizeiteinrichtungen als Vorzeigesiedlung der Sowjetunion, zu der die Ukraine zur Zeit des Unfalls noch gehörte. „Dass der atomare Super-Gau weltweit als Tschernobyl bekannt wurde und daraufhin die gesamte heutige 30-Kilometer Sperrzone danach benannt wurde, ist eine Folge der Verschleierungstaktik der russischen Behörden zu jener Zeit. Die radioaktive Wolke zog nach der Explosion in Richtung Skandinavien, wo die erschreckenden Werte gemessen wurden. Am 27.04.1986 informierte Schweden die Weltöffentlichkeit und diagnostizierte anhand der Windrichtung als Ort der Ursache die Region um eine der ältesten Siedlungen in der Ukraine – Tschernobyl“, berichtet Jewgeni.

 

Seit 2011 wohnt er wie hunderte weitere Wissenschaftler in der Zone und begleitet bei angemeldeten Führungen Besucher durch die Region. Er lebt hier jedoch nicht dauerhaft, sondern jeweils nur für wenige Tage. Permanentes Wohnen ist wegen der hohen Strahlenbelastung nach wie vor unmöglich. Nach maximal zwei Wochen muss auch er zurück nach Kiew um sich für mehrere Wochen zu erholen bevor der nächste Einsatz startet. Die Biologen, Physiker und Chemiker bewohnen während ihrer Aufenthalte die instandgehaltenen Gebäude am Rand der Sperrzone, wo die Strahlung nicht mehr ganz so hoch ist. Woher der Strom hier stammt? Jedenfalls nicht aus Tschernobyl. Zwar wurden die anderen Blöcke des Lenin-Kraftwerks nach dem Unfall wieder in Betrieb genommen – heute aber steht das Werk endgültig still. Eine erklärende Antwort bekommen wir nicht.

Hier geht's zu Teil 4

 Hier geht's zum ersten  Teil


zurück