Samstag, 14. April 2018

Kernenergie – Fluch oder Segen? Das Unglück von Tschernobyl und die Geister, die wir riefen (Teil 1)

Es gibt eine Reihe von Städten auf dieser Welt, deren Namen sind bis in die hintersten Regionen der Erde bekannt. Selten ist der Grund für diesen Bekanntheitsgrad positiver Natur – in der Regel sind sie durch Katastrophen natürlichen oder menschengemachten Ursprungs zu trauriger Berühmtheit gelangt. Eine von ihnen ist Tschernobyl im Norden der Ukraine. Menschliches Leben wird in der Region für Jahrhunderte nicht mehr möglich sein. Die genaue Zahl von Krebsfällen, wie Schilddrüsenkrebs und Leukämie ist bis heute nicht bekannt. Tschernobyl, Prypjat und die umliegenden Ortschaften wurden evakuiert und sind seitdem Geisterstädte. Dem Verfall preisgegeben holt sich die Natur die Strassen, Plätze und Gebäude zurück.

Prypjat

Wie sieht die Zukunft der Region aus? Welche Lehren haben wir aus der Katastrophe gezogen? Wie steht es heute um die Sicherheit von Kernkraftwerken? Problemfälle häufen sich nicht erst seit der erneuten Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011. Ist die Bedrohung längst überall? Mit diesen Fragen im Gepäck machen wir uns auf den Weg nach Tschernobyl.

Eine Spurensuche im Niemandsland

Am 2. März 2018 fahren wir in die Ukraine. Max ist Ingenieur. Ich bin Journalistin und Fotografin und möchte vor Ort aus erster Hand berichten. Von Kiew aus geht es weiter ins etwa 150 Kilometer entfernte Tschernobyl. Fast auf den Tag genau 32 Jahre ist es her, als der Reaktor im Block 4 des Lenin Kraftwerks am Stadtrand von Prypjat aufgrund menschlichen Versagens explodierte. Rund 400.000 Menschen aus Prypjat, Tschernobyl und dem weiteren Umkreis mussten damals evakuiert werden, weil ein Überleben in der Region durch die extreme radioaktive Strahlenbelastung unmöglich geworden war.

Zusammen mit unserem Fahrer Juri und dem Physiker Jewgeni möchten wir uns vor Ort ein Bild machen von der Geisterstadt. Der stellenweise meterhohe Schnee dämpft einen grossen Teil der gefährlichen Strahlung ab. Im Sommer sind die Werte um ein Vielfaches höher, erklärt uns Jewgeni. Da die Strahlung aber auch jetzt örtlich unterschiedlich stark ist, sind wir auf unsere Geigerzähler angewiesen. An Orten mit hoher Belastung sollte man sich auch jetzt nicht aufhalten. Gegenstände in den Häusern anzufassen oder das Wasser aus dem Fluss zu trinken ist im eigenen Interesse strengstens verboten.

Warum aber ist das so? Was macht Atomkraft so gefährlich, dass nach einem Unfall die Strahlung tödliche Auswirkungen haben kann und Landstriche für so lange Zeit unbewohnbar werden? Wir wollen zunächst wissen, was bei der Kernspaltung, bei der die Energie frei wird, eigentlich passiert. Bei allen Fragen steht Jewgeni bereitwillig Rede und Antwort.

Hier geht's zum zweiten Teil

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