Freitag, 19. August 2016

Kurzfristiger Ablasshandel oder nachhaltige Kompensation - reine Ansichtssache?

Es sind Aussagen wie diese, die Kompensationsdienste wie einen billigen Ablasshandel erscheinen lassen. Man fühlt sich nahezu automatisch erinnert an längst vergangene Zeiten, in denen es möglich war Gottes Gnade nach einer begangenen Sünde durch den Erwerb teurer Ablassbriefe der Kirche zu erlangen.
Wohl kaum verwunderlich, dass Kirchenoberhäupter nicht wirklich am tadellosen Lebenswandel ihrer Schäflein interessiert waren, sondern am teuren Verkauf ihrer Ablassbriefe, die mächtig Geld in die priesterlichen Kassen schwemmten. Im 15. Jahrhundert war der Verkauf solcher Sündenerlasse tatsächlich eine äusserst lukrative Einkommensquelle, zu der sogar Prediger über Land zogen und “Klinken putzten“.

Ein falsch verstandener Kompensationshandel hat tatsächlich mit diesem mittelalterlichen Ablasshandel eine nicht ganz von der Hand zu weisende Ähnlichkeit - zumindest dann, wenn er so betrachtet wird wie oben geschildert. Im Grossen fällt uns das Kyoto-Protokoll gerne ein, nachdem von der einen Nation gesparte Klimapunkte von einer anderen aufgekauft werden können.

Auf diese Weise wird tatsächlich nicht gespart, sondern lediglich ein schlechtes Gewissen beruhigt. Die persönliche Verantwortung für eigenes Handeln verschwindet unter dem dünnen Deckmäntelchen eines lediglich vorgeschobenen Klimaschutzes und gibt uns scheinbar einen Freibrief für unreflektiertes Verhalten.

In der Tat erscheinen die Leistungen moderner Klimakompensatoren vor diesem Hintergrund wenig sinnvoll für die Umwelt und nutzbringend wohl nur für die Dienstleister selbst. Was an einer Stelle eingespart, beziehungsweise kompensiert wird, darf an der anderen zu gleichen Anteilen verschwendet werden. Eine plus-minus Null Rechnung. Fatalerweise ziehen noch immer viel zu viele Menschen diesen Umstand viel zu gern als Entschuldigung heran um nach dem Motto“ was kann ich schon tun?“ weiterzumachen wie bisher.

 

Steter Tropfen höhlt den Stein

Hier allerdings liegt ein schwerer Denkfehler vor: Zunächst einmal ist in Zeiten akuter Bedrohung durch den Klimawandel jeder einzelne in die Verantwortung zu nehmen. Klimaschutz kann und darf nicht länger allein grossen Unternehmen, der Autoindustrie oder der Wirtschaft im Allgemeinen überlassen werden. Zwar obliegt ihnen nach der wie vor der Löwenanteil, aber längst ist jeder Bürger in der Pflicht durch eigenes Verhalten den CO2 Ausstoss nach Möglichkeit zu minimieren.

Dies geschieht durch den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen wie Strom oder Wasser im Haushalt, aber eben auch durch das Überdenken der eigenen Fahrweise im Strassenverkehr. CarSharing, öffentliche Verkehrsmittel wie Bus und Bahn oder die Möglichkeit kürzere Strecken bei entsprechendem Wetter mit dem Rad zurückzulegen bewirken hier schon einiges. Zumindest dann, wenn alle an einem Strang ziehen. Dazu sollte dieses Verhalten zur gesellschaftlichen Normen werden und das eingangs erwähnte Statusdenken endgültig ablösen.

Selbstverständlich ist es nicht möglich, den eigenen CO2 Verbrauch auf Null zu senken. Im Gegenteil - solange es Leben auf dieser Erde gibt, wird von Lebewesen Methangas und Kohlendioxid erzeugt. Unter natürlichen Umständen würde die Umwelt, sprich die Pflanzenwelt, spielend damit fertig. Aufgrund unserer Überbevölkerung (nicht nur menschlichen Lebens sondern auch und vor allem tierischen Lebens wie beispielsweise Schlachtvieh) und der parallel dazu schrumpfenden Waldflächen wird unsere natürliche Umwelt aber zusehends weniger dazu in der Lage sein.

Klimaschutz beginnt damit, sich Gedanken darüber zu machen, wie viel Emission der eigene Alltag eigentlich verursacht. Dazu zählt von der morgendlichen Dusche mit per Gas erhitztem Wasser über den Toast mit der Salami aus industrieller Tierproduktion, dem mittäglichen Schnellimbiss aus Fernost bis zur abendlichen Heimfahrt mit dem eigenen Wagen eine Unmenge an kleinen und kleinsten Gewohnheiten. Von der Flugreise oder dem Einkauf von importierten Waren mit grossen Anfahrtswegen ganz zu schweigen.

An genau dieser Stelle sollte Kompensationshandel ins Spiel kommen. Das Kompensieren eigener Emissionen durch adäquates Unterstützen von Umweltschutzprojekten darf nicht als Rechtfertigung für die Luxuskarosse herhalten, sondern schlicht für die Kompensation des eigenen Lebens. Wer wäre dies nicht seiner Mutter schuldig? Und ist es nicht längst an der Zeit, diese Erde als unser aller Mutter zu sehen? Was als berühmter Tropfen auf den heissen Stein gelten mag, wird zum steten Tropfen, der den Stein höhlt - vorausgesetzt alle machen mit!

 

Kompensationshandel mit Sinn und Verstand

Neben dem eigenen, bewussteren Umgang mit Ressourcen können Verbraucher/Innen darauf achten, in welche Projekte ihre Klimaspenden fliessen.
Eine ganze Reihe von Kompensationsdienstleistern bietet hier mittlerweile ihre Dienste an. Empfehlenswert sind diejenigen, die über Projekte mit dem Goldstandard Gütesiegel verfügen.
Laut einer Studie der HNEE (Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde) erfüllen Träger dieses Siegels die höchsten Qualitätsanforderungen und werden zudem von 60 Umwelt- und Klimaschutzorganisationen weltweit unterstützt. Zudem sind sie von der UN Klimarahmenkonvention (UNFCCC) anerkannt und müssen den Nachweis erbringen, dass ein Projekt ohne diese freiwilligen CO2 Kompensations-Dienstleistungen gar nicht ins Leben gerufen worden wäre.

Bei einer Umfrage der HNEE gaben übrigens fast 8% der Befragten an, schon einmal Kompensations- Dienstleistungen in Anspruch genommen zu haben. Ein guter Anfang sicherlich und ein dickes Lob, auf dem sich aufbauen lässt. Dass diese Angaben der Befragten tatsächlich der Wahrheit entsprachen, kann man dabei allerdings nur hoffen.

 

Money makes the world go round - Umweltschutz als Wirtschaftsfaktor

Man mag hin und her diskutieren oder mit dem erzieherischen Zeigefinger drohen. Hoffnung auf eine wirklich nachhaltige Besinnung zum Handeln wird es erst dann geben, wenn Umweltschutz sich (auch) finanziell bezahlt macht - im Grossen wie im Kleinen. Zum Schutz der Ökosysteme und Wälder gibt es seit 1996 Ausgleichszahlungen für Unternehmen. Eingeführt hat diese bis dahin neuartige Methode des Klimaschutzes Costa Rica. So begann das Land mit Ausgleichszahlungen an Landbesitzer für jeden unter Schutz gestellten Hektar Wald. Die notwendigen Gelder für dieses Projekt flossen dabei aus den Steuern des Ökotourismus, Zahlungen von Universitäten und Unternehmen und auch aus den Gebühren für die Wassernutzung. Eine neue Sichtweise wurde mit diesem Modell ins Leben gerufen: Wer ökologische Ressourcen nutzen will, der soll dafür bezahlen. Wir sie zur Verfügung stellt, der sollte dafür bezahlt werden.

Theoretisch sind die Möglichkeiten dieses Modell nicht nur in im Grossen sondern auch im Kleinen, sprich für die Industrie ebenso wie den Privathaushalt anzuwenden nicht neu. Zahlreiche Projekte machen derzeit weltweit von sich reden, die sowohl den Menschen der Regionen als auch der Umwelt zugute kommen sollen. In Pakistan beispielsweise unterstützt die DEZA eine Steuerreform, der besonderen Art: Die durch die Besteuerung von Strom und Treibstoffen und Gebühren für die Abfallentsorgung oder Holzschlaglizenzen anfallenden Gelder fliessen in die Renaturierung oder Instandhaltung von Ökosystemen und in die Aufwertung der Lebensbedingungen der dort ansässigen Menschen.

Auch das Dienstleistungsunternehmen carbon-connect AG setzt sich mit seinen Projekten sowohl auf der ökologischen als auch der sozialen Ebene mit den Gegebenheiten vor Ort auseinander. So befasst sich das REDD APD Regenwald Projekt in Brasilien beispielsweise ebenso mit der Renaturierung, Rettung und Erhalt der letzten Urwälder als auch mit der Bildung und Erhebung der Lebensstandards der Menschen dort.

Weitere Projekte dieses Kompensationsdienstleisters sind das La Gloria Wasserkraftprojekt zur Deckung des regionalen und nationalen Energiebedarfs in Honduras und das Hebei Jinzhou 24MW Strohfeuer Kraftwerk in China, das landwirtschaftliche Erntereste wie Mais- und Weizenstroh zur regionalen Energiegewinnung nutzt.

In diese Projekte investieren durch den Erwerb von Klimavignetten bei Weitem nicht mehr nur grosse Unternehmen und Betriebe, sondern zunehmend Kleinbetriebe und auch Privatpersonen. Jeder Schritt zählt, sei er auch noch so klein!

 

"Was kann ich schon tun?" - Eine ganze Menge!


Richtig betrachtet und verantwortungsvoll eingesetzt haben Kompensationszahlungen von heute nichts mit dem einst als billiger Ablasshandel verschrieenen Ausgleichszahlungen wohlhabender Bürger an die Kirche zu tun. Ein ebenso durchschaubarer wie missbräuchlicher Freikauf von Umwelt-Sünden ist sicher nicht Sinn und Zweck der Angebote von Kompensationsdienstleistern. Es ist eine zusätzliche Möglichkeit, das Steuer selbst in die Hand zu nehmen.

Voraussetzung dazu ist aber die Erkenntnis der eigenen Verantwortung. Nicht nur für die Grossindustrie- sondern für jedermann!


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